Aus der Rubrik Kindheitstrauma: Heinz Hoffmann, Armeegeneral und Verteidigungsminister der DDR, starb nicht auf dem Friedhof, auf dem er später begraben wurde. Dieser Charakterzug machte es notwendig, den nunmehr toten Heinz Hoffmann in einen schwarzen Barkas zu legen und gen Berlin zu fahren.
Die Straße nach Berlin führte hinter einer Kurve an einem Kindergarten vorbei, in dem ich zu jener Zeit pädagogisch versorgt wurde. Jemand beschloss diese Umstandsverkettung dazu zu nutzen, mich mit etwa 20 anderen Kindern an besagte Straße zu stellen und von weißen Friedenstauben und kleinen Trompetern singen zu lassen. Der schwarze Barkas würde anhalten und eine Weile lauschen, Heinz Hoffmann todesbedingt nicht.
Wir übten zwei Tage, die zwei Lieder zu singen. Dazu „Ich trage eine Fahne“ für den Fall, dass der Barkas eine Zugabe wünschte. Ich kam in die zweite Reihe und fing mir fast eine, weil mir mein Onkel am Wochenende das Wort „bumsen“ beigebracht hatte.
Am Tag des Transports stellten wir uns um 9.00 morgens an der Straße auf. Die Anstaltsleiterin hielt Ausschau. Ein Fotograf von der Zeitung wollte noch kommen.
Es erwies sich als Vorteil, dass es damals weniger Autos gab und die, die es gab, meist woanders langfuhren. Was noch hinten um die Kurve fuhr, wurde ausnahmslos besungen. Die Anstaltsleiterin war entweder blind oder doof, wie so oft wahrscheinlich beides.
Gegen 10.00 hatte die Anstaltsbesatzung sichtlich keine Lust mehr, die Kinder murrten, die dicke Melanie musste aufs Klo, „Muuuh ich muss mal“ - die Situation war zum Bumsen.
Etwas später bog der Barkas um die Kurve. Man hätte den Leuten im Barkas Bescheid sagen sollen. Abgrundtief dämliche Gedanken werden selten zu Ende gedacht. Sie leben in einer Nebenwelt, drei Kilometer entfernt von der Realität, in der alles irgendwie supi ist, und werden dann so lange gegen die Realität geprügelt, bis auch dem initial Denkenden klar sein sollte, dass er eine Stulle ist.
Fazit: Wir sangen, der Wagen fuhr vorbei, kam nicht wieder. Die Anstaltsleiterin schaute doof und wir zogen wieder ab, Heinz Hoffmann wurde unbesungen weggegraben, die dicke Melanie rannte auf Klo und 20 Jahre später hab ich im Zeitungsarchiv nachgeschaut, ob der Fotograf noch gekommen war. Kein Artikel, also wahrscheinlich nicht, dafür Fotos von späteren ähnlich gelagerten Events.
Es muss einmal eine Zeit gegeben haben, in der das einen Sinn ergeben hat, als es für die Menschen gottgegeben und irgendwie geil war, sich an die Straße zu stellen und für vorbeifahrende Leichen von toten Trompetern und weißen Friedenstauben zu singen, oder wie später die Dorfstraße rauf und runter zu demonstrieren, um Frieden am Arsch der Welt zu schaffen. Es müssen wahrhaft bumsdämliche Zeiten gewesen sein.



